Schlägt Dummheit Mittelmäßigkeit?

Dr.-Ing. Hans-Markus Callsen-Bracker,


Anfang der achtziger Jahre war das Thema "Informationseffizienz“ gerade sehr "en vogue“ in der akademischen Finance-Community. Eugene Fama von der University of Illinois in Chicago hatte dazu mit seinen Arbeiten Mitte der siebziger Jahre den Startschuss gegeben. 1980 erschien der Aufsatz zum Informationsparadoxon von Grossman und Stiglitz und 1984 meldete sich in Deutschland Klaus Schredelseker zu Wort. Er war auf einen interessanten Effekt gestoßen, den er unter der interessanten Überschrift "Dummheit schlägt Mittelmäßigkeit“ in der ZfbF veröffentlichte.

Schredelseker nimmt an, dass es drei unterschiedlich intelligente Anlegergruppen gibt und dass die Werthaltigkeit der beschafften Informationen eine mit den Informationsbeschaffungskosten steigende Funktion ist. Die Klugen und die mittelmäßig klugen verfolgen beide aktive Anlagestrategien und versuchen den Markt zu schlagen, während die Dummen Anleger sich keine aktive Strategie zutrauen und auf den Preismechanismus vertrauen. Unter diesen Voraussetzungen kommt man zu dem Ergebnis, dass die erwartete Rendite der Anleger, die sich gar nicht informieren, sondern lediglich auf die Effizienz des Preismechanismus vertrauen und zufällig Wertpapiere auswählen, höher als die erwartete Rendite der mittelmäßig informierten Anleger ist.

Das hat die folgende Ursache: Für kluge Anleger ist die Informationsverarbeitung mit geringeren Informationskosten verbunden, so dass sie zu gleichen Informationsbeschaffungskosten eine der Strategie der mittelmäßig schlauen Anleger überlegene Anlagestrategie ableiten können. Die dummen Anleger sind total unfähig und nicht in der Lage, überhaupt irgendeine Strategie abzuleiten. Da ihnen das selbst klar ist, fahren sie deshalb die gute alte Buy-and-hold-Strategie mit einem schön diversifizierten Portefeuille. Die mittelmäßigen Anleger trauen sich eine aktive Anlagestrategie zu und kaufen und verkaufen ständig Wertpapiere. Leider sind ihre Handelspartner nicht die Dummen, sondern die Schlauen und wenn man informationsbedingten Handel mit Handelspartnern betreibt, die besser informiert sind, dann bekommt man was auf die Nase. Das passiert den mittelmäßig schlauen Anlegern dann auch. Sie erzielen im Erwartungswert eine zwingend unterdurchschnittliche Rendite, da sie nur mit Klugen handeln. Die Rendite der Dummen entspricht hingegen der durchschnittlichen Rendite, so dass wir hier wieder zu so einer Art Informationsparadoxon kommen. Das scheinbare Ergebnis lautet: Dummheit schlägt Mittelmäßigkeit!

Natürlich blieb hier die Wissenschaft nicht stehen. Bernhard Kromschröder lieferte sich mit Klaus Schredelseker wilde Diskussionen in der ZfbF. Schließlich konnte das scheinbare Ergebnis, dass Dummheit dauerhaft Mittelmäßigkeit schlägt, nicht aufrechterhalten werden. Schließlich sind sich auch die Mittelmäßigen ihrer Mittelmäßigkeit bewusst, solange man annimmt, dass sie rational handeln, und das ist bei Modellen stets sinnvoll. Ansonsten könnte man mit Hilfe von Modellen alles und nichts zeigen, wenn man annimmt, dass sich irgendwelche Akteure entgegen ihrer eigenen Interessen verhalten. Der Denkfehler liegt also bei diesem Informationsparadoxon darin, dass keiner sich dauerhaft irrt. Niemand der rational ist, wird informationsbedingten Handel mit Handelspartnern betreiben, die besser informiert sind. Letztendlich kommt man dann zum so genannten No-Trade-Theorem. Der Handel sollte gänzlich zum Erliegen kommen, wenn nur informationsbedingte Handelsmotive existieren: Man findet nämlich nur dann einen Handelspartner, wenn man bei dem Handel zumindest im Erwartungswert verliert, da andernfalls niemand die Gegenposition einnimmt. Aus diesem Grund arbeiten Modelle, die Kapitalmärkte abbilden wollen, mit anderen Handelsmotiven der Marktteilnehmer wie z. B. externen Liquiditätsschocks. Damit ist gemeint, dass Wertpapiere verkauft werden, da sie aus modellexogenen Gründen Geld benötigen.

Literaturverzeichnis

Dummheit schlägt Mittelmäßigkeit - Zur Kritik Bernhard Kromschröders am Informationsnutzenmodell Klaus Schredelseker

1984, ZfbF, S. 1074 ff.

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