Der Lohmann-Ruchti Effekt

Dr.-Ing. Hans-Markus Callsen-Bracker


Wenn liquide Mittel aus Abschreibungsgegenwerten nicht wieder für Ersatzbeschaffung neu investiert werden müssen, können sie zur Kapazitätserweiterung genutzt werden. Mit Hilfe des freigesetzten Kapitals können also Erweiterungsinvestitionen durchgeführt werden. Dieser Effekt wurde von den Herren Ruchti (1942) und Lohmann (1949, S. 353 ff.) entdeckt und wird deshalb Lohmann-Ruchti-Effekt genannt. Am besten verdeutlicht man sich dieses Phänomen anhand eines Beispiels:

Zum Zeitpunkt t=0 werden 10 Kopierer zu je 2.000 Euro gekauft. Die Vervielfältigungsmaschinen werden linear über 2 Jahre abgeschrieben. Das heißt, dass die Periodenabschreibungen jeweils 1.000 Euro betragen. Wir nehmen an, dass den Abschreibungen zurückfließende Mittel gegenüberstehen, die in irgendeiner Form verwendet werden können.

Zum Zeitpunkt t=1 also am Ende des ersten Jahres, beträgt das Finanzierungsvolumen aus den Abschreibungen der Kopierer gerade 10 · 1.000 = 10.000 Euro. Dieses Geld wird in fünf neue Kopierer à 2.000 Euro gesteckt. Das Unternehmen verfügt jetzt also über 15 Kopierer und kann in der zweiten Periode 50 % mehr Kopien machen. Die Periodenkapazität ist eindeutig von 10 auf 15 Kopierer gestiegen.

Zum Zeitpunkt t=2 also am Ende des zweiten Jahres, beläuft sich das Finanzierungsvolumen aus Abschreibungsgegenwerten auf 15 · 1.000 = 15.000 Euro. Davon können sieben neue Kopierer gekauft werden und es bleiben 1.000 Euro, die in den Sparstrumpf gesteckt werden. Mittlerweile sind die ersten 10 Kopierer vollständig abgeschrieben und werden folgerichtig verschrottet. Es sind also noch 5 + 7 = 12 Kopierer einsatzbereit. Die Periodenkapazität ist also im Vergleich zum Zeitpunkt t=1 leicht gefallen, jedoch ist sie immer noch höher als im Zeitpunkt t=0.

Zum Zeitpunkt t=3 ist die Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten gerade: 12 · 1.000 = 12.000 Euro. Davon kaufen wir uns 6 neue Kopierer. Die zum Zeitpunkt t=1 gekauften fünf Kopierer kommen auf die Müllhalde, so dass sich die Periodenkapazität im Vergleich zur Vorperiode auf 13 Kopierer erhöht. Auf diesem Niveau bleibt die Periodenkapazität jetzt auch. Um das zu erkennen, schauen wir uns noch den Zeitpunkt t=4 an.

In t=4 beträgt die Finanzierung aus Abschreibungen gerade 13 · 1.000 Euro = 13.000 Euro. Außerdem erinnern wir uns jetzt an die 1.000 Euro, die wir in t=2 in den Sparstrumpf gesteckt haben. Wir haben also 14.000 Euro zur Verfügung, um unserer Lieblingsbeschäftigung dem Kopiererkauf nachzugehen. Wir erstehen also 7 Kopierer. Interessanterweise ersetzen diese jetzt eins zu eins die sieben Kopierer, die wir in t=2 gekauft haben und die jetzt unserer Recycling-Abteilung zugeführt werden. Die Periodenkapazität bleibt folglich bei 13 Kopierern. Es ist also tatsächlich so, wie ich bereits erwähnt hatte: Die Periodenkapazität bleibt konstant.

Was soll man jetzt von diesem faszinierenden Kapazitätserweiterungseffekt, dem viel gerühmten Lohmann-Ruchti-Effekt, halten? Augenscheinlich ist die Periodenkapazität von 10 Kopierern auf 13 gestiegen. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten. Schließlich hatten wir zum Zeitpunkt t=0 zehn nagelneue Kopierer zur Verfügung, die uns noch 20 Kopiererjahre treue Dienste leisten konnten. Zum Zeitpunkt t=4 haben wir zwar insgesamt 13 Kopierer, davon sind jedoch lediglich sieben fabrikfrisch. Sie leisten noch 14 Kopiererjahre. Die anderen sechs Kopierer, die wir schon in t=3 angeschafft hatten, haben nur noch einen Kapazität gemessen in Kopiererjahren von sechs. Augenscheinlich ist die Gesamtkapazität konstant geblieben. Sie beträgt 20 Kopiererjahre.

Literaturverzeichnis

Grundzüge der Finanzierung und Investition Hans Hirth

2008, Oldenbourg, 146-147

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Finanzwirtschaft der Unternehmung Perridon/ Steiner

2007, Vahlen, 13. Auflage 484-488

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